Die vergessene Grüne Grenze

Februar 12, 2024

Kannst du dir vorstellen, wie sich -15 Grad nachts im Wald ohne Schlafsack auf zugefrorenem Boden zwischen Ästen, Moos und Sümpfen anfühlen?

Akram (32, aus Jemen) und Mohammad (50, aus Syrien) saßen über 5 Monate lang im Grenzwald zwischen Polen und Belarus fest. Oft hatten sie über Tage lang kein sauberes Trinkwasser und filterten das verschmutzte Wasser aus den Sümpfen durch einen Schal.

“Mir ist ganz egal, in welchem Land ich aufgenommen werde. Ich will einfach nur nicht hier im Wald sterben.”, sagt Mohammad den Aktivist*innen von Grupa Granica.

Die polnischen Aktivist*innen und humanitären Helfer*innen der Grupa Granica (“Gruppe Grenze”) leisten im “Dschungel” erste Hilfe, bringen Trinkwasser, Essen, Medikamente und Kleidung in den Wald. Sie retten damit täglich Leben und setzen auch ihre eigene Unversehrtheit aufs Spiel. Bis zu 8 Jahre Haft drohen Helfenden für Anklage als “Menschenschmuggler”.

Spende jetzt für Geflüchtete an der polnisch-belarussischen Grenze

So wie Akram und Mohammad erging es in den letzten Jahren tausenden anderen Geflüchteten. Die andauernde Krise an Polens Grenze begann im Sommer 2021. Der belarussische Machthaber Alexander Lukashenko verbreitete damals die Botschaft an Fliehende aus Kriegs- und Krisengebieten wie Syrien, Afghanistan und dem Irak, der Weg über Belarus nach Polen sei eine sichere Route in die EU. Belarussische Soldaten eskortieren Gruppen von bis zu 50 Menschen an die Grenze und ließen sie zu Fuß überqueren. Die meisten wurden von polnischen Grenzbeamten brutal zurückgedrängt, einige schafften es jedoch in den Wald zu fliehen.

Die polnische Regierung etablierte das Gebiet schon bald als “rote Zone”: das Grenzgebiet wurde abgeriegelt, die Zahl der Grenzsoldaten vervierfacht. Keine Journalist*innen oder humanitären Helfer*innen kamen ohne Weiteres in die Zone. Im November 2021 sanken die Temperaturen im Wald auf Minus-Grade, die ersten Menschen erfroren in ihren Verstecken im Wald. Belarus errichtete in der Grenzstadt Bruzgi eine Sammelunterkunft in einem unbeheizten Warenhaus. Viele Menschen, die dort untergebracht wurden, setzten weiterhin Hoffnung auf die EU, dass sie sie befreien und aufnehmen würde. Doch Polen hatte bereits mit dem Bau einer über 3000 km langen Grenzmauer für mehr als 350 Mio Euro begonnen.

Als 2022 der russische Angriffskrieg in der Ukraine begann, nahm Polen mehr als 1,5 Mio. ukrainische Geflüchtete auf. Doch gleichzeitig eskalierten die Gewalt und die Zurückdrängung gegen alle anderen Schutzsuchenden. Die polnische Regierung verbreitete sukzessive die Botschaft, die Fliehenden seien Agenten, die für Belarus auf polnischem Boden Angriffe ausführen würden oder sogar Missbrauchstäter und Pädophile seien. So gut wie ohne Konsequenzen und strafrechtliche Verfolgung durch die EU erreichten die Pushbacks und Menschenrechtsverletzungen an Polens östlicher Grenze ein unbegreifliches Ausmaß an Brutalität.

Noch immer versuchen Menschen, die aus Syrien, dem Iran, Afghanistan, Jemen und anderen Ländern aufgrund von Krieg und Verfolgung fliehen mussten, die “Grüne Grenze” nach Polen für Schutz in der EU zu überqueren. Und immer wieder werden sie brutal gepushbackt, von Grenzbeamten geschlagen und mit Verletzungen und ohne warme Kleidung in das Waldgebiet auf belarussischer Seite zurückgedrängt. Und hier beginnt das unfassbare Spiel der beiden Staaten: Denn auch Belarus lässt die Menschen nicht zurück ins Land. Gefangen bei Minusgraden im Waldstreifen werden Schutzsuchende – egal ob Männer, Frauen oder Kinder – oft monatelang vor und zurück über den Grenzzaun gezwungen, ohne Ausweg.

Unsere Partnerorganisation Grupa Graniza unterstützt Menschen auf der Flucht an der Grenze zwischen Polen und Belarus und dokumentiert Menschenrechtsverletzungen. Die Bewegung besteht aus Aktivist*innen aus ganz Polen aber auch aus ortsansässigen Bewohner*innen in der Grenzregion.

Schutzsuchende, die versuchen, die „Grüne Grenze“ zu überqueren, werden oft gewaltvoll von Grenzbeamten beider Seiten vor und zurückgedrängt. Oft sind sie in einem mental und körperlich sehr schlechten Zustand. Sie leiden unter starken Schmerzen vom Stacheldraht an der Grenzmauer, Erfrierungen und Schlägen durch Grenzsoldaten. Gefangen im Wald, teils über Monate, haben viele nicht mal Zugang zu Essen und sauberem Wasser.

Mit deiner Spende an Leave No One Behind können wir die polnische Organisation bei der Beschaffung von Erste Hilfe Sets, Trinkwasser und Lebensmitteln, warmer Kleidung und bei der medizinischen Versorgung für die Geflüchteten im Wald unterstützen. Jeder Beitrag rettet Leben.

Jetzt Spenden

#LeaveNoOneBehind

Fotos: Hanna Jarzabek

Quellen und weiter lesen:

https://www.theguardian.com/global-development/2022/feb/08/in-limbo-refugees-left-on-belarusian-polish-border-eu-frontier-photo-essay

https://www.hannajarzabek.com/another-wall

https://www.ndr.de/kultur/Filmtipp-Green-Border,audio1562396.html

https://www.deutschlandfunk.de/lukaschenko-gegen-die-eu-wie-belarus-gefluechtete-als-100.html

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